Zwischen meinen Lieben, und einem Glas Wein.

Hier oben, hoch über den Wolken und über Grönland, holpert das Flugzeug jedes Mal so, dass nicht nur das Anschnallzeichen anspringt, sondern auch meine Angst. Ich beruhige mich mit gewohnten Worten. Alles gut. Fliegen ist totsicher. Trink einen Wein. Und wenn du jetzt sterben sollst, dann soll es so sein. Trink noch ein Glas Wein. Seit dem Abflug in Amsterdam, vor vier Stunden, habe ich schon ein Buch ausgelesen, zwei Filme geschaut, Mittag gegessen und mich vorbildlich hin und her bewegt. Zum Schlafen bin ich zu aufgekratzt. I`m very excited. Also beobachte ich den Bordmonitor, der mir die Flugroute anzeigt. Flughöhe 10763 m, Geschwindigkeit 861km/h, Außentemperatur -63 Grad und noch 4635 km bis zum Zielort. Noch sechs Stunden. Das Starren auf den Bildschirm lässt die Zeit eher langsamer verstreichen, wie in Zeitlupe. Also schreibe ich, schaue später noch einen Film und brauch dann mal einen Kaffee.
Hier oben, über dem Eis und über den Wolken, fühle ich mich mehr als sonst zwischen meinen Lieben. Fühle mich dazwischen. Ein Dazwischen-Liebes-Zustand. Im Rausch des Dazwischens. Einerseits gibt es die Liebe zu Frank, meinem besten Freund und Mann, und unserem Standort Italien. Meine Freunde in Berlin, Kreta und in Italien. Meine Herkunftsfamilie. Meine Liebe zu all dem, was europäisch ist. All dem, was gut geregelt ist. Meine Liebe zu all dem Vertrauten. Mit jedem Kilometer mehr, lasse ich das Vertraute hinter mir und begebe mich auf die andere Seite der Welt, zu meiner anderen Liebe. Maria, Bill, Ida, Paul. Lucy, die Hündin. Die Liebe zu Portland und den freundlichen Menschen, die mir dort begegnet sind, der englischen Sprache. Dem Neuen.
Meine Sitznachbarin sagt lächelnd zu mir: „I`m flying home.“ Ich antworte: „That sounds good. I´m flying to my second home.“ Ich erzähle ihr, dass meine Tochter, ihr Mann und meine Enkel in Portland leben und hole irgendwo aus den hintersten Gehirnregionen mein Englisch wieder heraus. Völlig durcheinander bestelle ich beim Flugbegleiter, der zwischendurch zu uns kommt, alles auf italienisch und antworte mit si, prego, grazie. Er lächelt und sieht dabei bezaubernd aus. Die Frau neben mir wundert sich, dass ich italienisch bestelle. Sie hat mitbekommen, dass ich Deutsche bin. Ich wundere mich auch. Vino rosso klingt einfach am besten. Es klingt so gesund und die Farbe sieht aus wie Brombeere und Himbeere gemischt. Einfach gesund. Die Frau neben mir schaut mich an, zwinkert und bestellt: The same. Wir verstehen uns. Alles ist durcheinander, die Lieben, die Sprachen, die Zeit. Wenn ich ankomme, wäre es für meinen Körper bald Schlafenszeit, aber in Portland ist es erst halb zwölf mittags. Ich werde Maria, mein großes Mädchen, in die Arme schließen und ihren unvergleichlichen Maria-Duft einsaugen. Kind bleibt Kind, das wird sie auch noch erleben, wenn ihre beiden Kleinen groß sind. Sie riecht immer noch ein bisschen so, wie sie als Kind roch, ein bisschen nach verschwitztem Kinderkörper. Unvergleichlich. Ich werde mich tapfer wachhalten, um am Nachmittag mit ihr die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen. Wir haben uns sieben Monate nicht gesehen. Während ich das schreibe, stolpert mein Herz vor lauter Vorfreude. Es setzt einen Schlag lang aus. Kann man auch vor Freude sterben? Herzschlagaussetzer. An der Vorfreude gestorben. Flugzeugtexte beinhalten ein bisschen mehr Tod als sonst. Es sei mir verziehen.
Bei der Einreise fragt mich der Zollbeamte, ob ich Früchte, Samen, Geld, Tiere einführe. Ich sage nein. Er schaut mich über die Brillengläser hinweg an. “Really nothing?” Ich gehe in mich. “I have two animals ... for my grandchildren.” An meinem Verstand zweifelnd, schaut er mich wieder über die Brille hinweg an. Dann begreife ich. “No, no ... not real animals ... “ Sollte ich noch sagen, dass es ein Dinosaurier und Einhorn sind? Mit einer wegwerfenden Handbewegung klappt er meinen Pass zu. “Go, go.”

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