Im Nebel

Neben den sonnigen, milden Tagen im toskanischen Winter, an denen wir in der Sonne un caffè oder spritz trinken, ans Meer fahren oder einfach auf unserer Terrasse sitzen und in die Hügel schauen, gibt es auch die anderen. Die schlimmen Tage. Neblig- graue, regnerische, mittelkalte Tage. Alles so mittel. Mittelschön. Garnichtschön. Eigentlich häßlich. An solchen Tagen schlagen sie erbarmungslos zu. Sie, die Einsamkeit und ihre Freunde Genervtsein, Zweifel und Ungeduld. Eine miese Bande.
Plötzlich ist das Haus in den Hügeln zu weit weg von allem, besonders vom Leben. Wir sehnen uns nach Nachbarn, würden gern menschliche Geräusche hören. Ganz egal welche. Auch Autos und Motorräder könnten mal bei uns entlang fahren, Motorgeräusche wären ein hilfreicher Anfang. Selbst ein Rasenmäher oder eine Motorsäge wäre Musik in unseren Ohren. Die Beziehung muss einiges aushalten, einer ist der Spiegel des anderen und schaut an solchen Tagen in ein mürrisches Gesicht. “Scheiß Wetter.” Immerhin kennen wir die italienische Version: “Fa brutto tempo!” Und sagen es ständig, was die Laune nicht verbessert, aber unser italienisch. Immerhin. Der Umgang mit der Freiheit, der freigeschaufelten Zeit ist momentan unsere größte Herausforderung. Doch genau das wollten wir doch: Frei sein, nicht mehr angestellt, nichts mehr müssen. Langsamer leben. Da haben wir den Salat. Den Tag zu strukturieren, sich selbst bei Laune zu halten, nicht den anderen oder “die Gesellschaft” verantwortlich zu machen, ist unser müßig Tagwerk. Alles anzunehmen, wie es nun mal ist. Ich ertappe mich dabei, mich zu freuen, mal wieder etwas Müssen zu müssen. Zweifel strecken ihre Hände nach oben, wie die Streber in der Schule. Wolltet ihr so leben? Ist es das? Weiterziehen? Zurück in die Stadt?
Die Königsdisziplin in der Einsamkeit ist das Alleinsein in der Einsamkeit. So, wie jetzt. Ganz allein, eine Woche in den toskanischen neblig-verhangenen Hügeln. Leichter Nieselregen komplettiert mein “Fa brutto tempo-Gefühl”. Ich schalte gleich morgens den italienischen Lieblingssender an, so höre ich Stimmen. Lerne ein paar Vokabeln. Raffe mich auf, mich zurück in meine neue Geschichte zu denken. Fühle die Protagonisten und tauche ab ins Schreiben. Writerslife poste ich vielleicht später auf Instagram, um mich mit der Welt verbunden zu fühlen. Da sind noch andere. Die Welt ist hier nicht zu Ende. Gut. Ich koche mir Kaffee und starre hinaus. Nichts zu sehen. Vielleicht ist die Welt hier doch zu Ende.
Kein Partner da, kein Spiegel für meine Laune. Kein Partner, den ich für irgendwas verantwortlich machen könnte. Ich horche in mich hinein. Es ist ruhig da drinnen. Ich höre mein Ja. Ja, es ist einsam. Ist jetzt so. Hol Dir, was Du brauchst. Was brauche ich? Ich rufe die einzige Freundin an, die ich erst seit kurzem kenne. Sie kommt! Ich bestelle den TV Mechaniker, der meine deutschen Fernsehprogramme wieder einstellt. Er kommt auch und bringt seine Frau aus der Schweiz mit. Am Nachmittag sitzen wir Frauen bei Tiramisu und Prosecco zusammen, während der Mann mit dem Fernseher kämpft. Die Stunden fliegen dahin. Reden, lachen, übers Wetter schimpfen. Nächste Woche besuchen wir die Frau aus der Schweiz, kommendes Wochenende gehen wir mit der anderen Freundin und ihrem Mann essen und tanzen. Sie warnt mich vor, nichts Besonderes zu erwarten. Es wird einen langen Tisch voll schnatternder Italiener geben, es wird gegessen, es wird laut sein und dann fangen die ersten an zu tanzen. 80er Jahre Mucke. Ja, ich will!! Genau das.
Und ich weiß, dass in zwei Tagen die Sonne wieder scheint und alles wird aussehen, als hätte man den Lichtschalter angeknipst. Die Farben werden um die Wette brillieren, alles wird wie frisch gewaschen aussehen. Die nassen, nebligen Tagen werden, wie letztes Mal, im Nebel meines Vergessens verschwinden. Sich zurückziehen, als wären sie nie dagewesen. Plopp. Weg.