Das Pulsieren

Heilfroh, dass die Party schon zwanzig Uhr begann, machte ich mich auf dem Weg.

Vor Mitternacht wollte ich auf jeden Fall im Bett sein, immerhin musste ich am nächsten Tag arbeiten. Da es ein 50. Geburtstag war, waren da ja sicher mehrere ältere Leute.

Die fast immer vor Mitternacht im Bett sein wollten. 

Wegen des gesunden Nachtschlafes.

Wegen der hochwichtigen Regeneration der Zellen.

Leute, die ab zweiundzwanzig Uhr müde wurden. 

Die viel gähnten.

Die am nächsten Tag viele wichtige Dinge zu tun hatten. Dachte ich so.

 

Immer, wenn ich gehen wollte, tanzte ich noch ein letztes Mal.

Nur zu diesem einen Song, der mich so an früher erinnerte.

Früher, als ich jedes Wochenende unterwegs war.

Die Musik war gut und die Frau am Mischpult wusste, was sie tat.

Sie verführte mich, zu bleiben. Immer und immer wieder.Endlos.

Mit geschlossenen Augen gab ich mich endlich dem Moment hin.

Der Musik. Dem Tanz. Mein Gott, was war schon Zeit?

Und so wurde es drei Uhr. Das drei Uhr morgens.

 

Ich fuhr mit dem Fahrrad in die Richtung meines Bettes. Am U-Bahnhof Eberswalderstraße musste ich absteigen, da ich es sonst nicht geglaubt hätte.

 

Die Stadt pulsierte. Meine alte Liebe, Berlin. 

 

Alle Läden waren offen und hell erleuchtet. Die Menschen aßen und tranken, als wäre es Tag. In einer Ecke saß ein junger Mann und weinte, die Frau wischte ihm zärtlich über sein Gesicht. Ich erinnerte mich an die Dramen meiner Jugend. Alles war so, so wichtig.

Ich schloß für einen Moment die Augen, hielt mein Fahrrad in der Hand und ließ das Pulsieren der Stadt zu meinem Pulsieren werden.

Im Schutz der Dunkelheit fühlte ich die gelbe U-Bahn über mir hinwegdonnern, fühlte den Schmerz des weinenden Mannes, fühlte das Gackern der jungen Mädchen und war dankbar für mein jetziges, um so viel stilleres Leben.  

 

Auf einem toskanischen Hügel im Nirgendwo.