Der Termin

1

 

Voll nervig. Zwei Stationen bis zum Alexanderplatz hatte ich geschafft, dann wollte ich ganz gemütlich in die U5 umsteigen und nach Berlin-Hönow, zu meinem Termin, fahren. Pustekuchen. Die Treppe zur U5 war abgesperrt. Ein Schild zeigte an `Ersatzverkehr mit Bussen`. Ich ging, nun leicht gehetzt, wieder nach oben auf den Alexanderplatz und suchte die Ersatz-Haltestelle. Mein ganzer Zeitplan kam damit durcheinander, das wurde mir schlagartig klar.

 

Zum Glück stieß ich sofort auf zwei Männer mit einer BVG-Uniform. Ich fragte sie, wo denn der Ersatzverkehr abfahren würde.

 

Oh, heute ist kein Ersatzverkehr. Alles gesperrt. Radrennen.“

Ein Mann, der vollständige Sätze sprach.

 

Okay, keine U-Bahn, kein Bus und wie komme ich jetzt nach Hönow?“

„Keine Ahnung, ich bin nicht von hier.“ Der andere guckte uns nur an. „Das ist nicht Ihr Ernst? Man muss doch nicht von hier sein, um Auskünfte zu geben.“ Ich kochte innerlich. Unfähigkeit brachte mich schon immer in Wallung. „Sie sind doch von der BVG, oder?“

 

Ja schon. Aber wie gesagt. Ich kenne mich hier nicht aus. Wohne woanders. Vielleicht mit der Straßenbahn?“ schob er noch hinterher. Unglaublich! Noch genervter stieg ich in die nächste Straßenbahn, um erst mal intuitiv weiter in Richtung Frankfurter Tor zu fahren. Parallel fummelte ich mein Handy aus meiner großen Tasche, um mir selbst zu helfen. Ich könnte glatt bei der BVG anfangen, wenn das mit den Psychotherapien nichts werden sollte.

 

 

 

Endlich saß ich in der richtigen Bahn, einmal komplett durchgeschwitzt. Der Tag fing ja blendend an. Als ob ich nicht sowieso schon wahnsinnig aufgeregt wäre. Tom, mein liebster Ex-Freund Tom, hatte mir dieses unkonventionelle Paartherapiegespräch vermittelt. Unkonventionell, da ich, zeitlich flexibel, zu ihnen in die Wohnung fuhr. `Therapy-to-go`. Ich war vorher noch nie in Hönow und ich hatte bisher auch nur ein Paartherapiegespräch.

 

Mein Herz schlug wie wild, wenn ich an das bevorstehende Gespräch dachte. Meine noch junge Praxis als frischgebackene Psychotherapeutin belief sich eher auf Einzeltermine mit jungen Erwachsenen. Gott, war ich nervös! Atmen. Amen. Beides.

 

 

Blöd war zusätzlich, dass ich immer so jung wirkte. Fast wie eine Jugendliche. Wenn ich manchmal Alkohol kaufte, musste ich meinen Ausweis vorzeigen, dabei bin ich schon 32 Jahre alt. Das machte mir schon die ganze Therapieausbildung lang Kopfzerbrechen. Würde mich überhaupt jemand Erwachsenes ernst nehmen? Was hatte ich denn schon erlebt? Meine bisherigen Lebenserfahrungen waren sehr übersichtlich. Die Guten genauso wie die Schlechten. Nichts Schlimmes war mir wirklich geschehen.

 

Okay, da gab es die Sache mit meiner Mutter. Aber bin ich dadurch reifer als die Menschen, die ich begleiten sollte? Äh, wollte.

Ich war völlig durcheinander. Hallo Selbstzweifel, hallo Angst! Da ward ihr ja wieder. Am liebsten würde ich umdrehen. Direkt nach Hause gehen, mich mit Tom verabreden und beim Reden auf seinen schönen Mund schauen. Scheiß auf Hönow. Scheiß auf Paare. Meine Paarerfahrungen konnte ich an einer Hand abzählen. Tom war ein Finger von der einen Hand.

 

 

Julia, meine Kindheitsfreundin, scherzte immer wegen meiner Sorgen um mein jugendliches Aussehen und sagte oft: „Mach Dir nichts daraus, Sophie. Ich schmink Dich auf alt, das wird ein Spaß! Ich hab schon dunkelbraunes Make up besorgt, um Dir Augenringe zu machen und Old-fashion-Klamotten hab ich auch, ohne Ende! Von Tante Lisbeth.“

 

Und mein Vater, ein erfolgreicher Unternehmer, strich mir ständig über den Kopf und sagte: „Mach Dir keine Gedanken, meine Kleine. Das wird schon.“ Sehr hilfreich. Beide. Wirklich!

 

Manchmal vermisste ich meine Mutter, beziehungsweise überhaupt eine Mutter. Ich hätte gern gewusst, was sie mir in meiner jetzigen Situation geraten hätte. Sie hatte uns verlassen, als ich 3 Jahre alt war. Mein Vater und ich waren über die Jahre ein eingespieltes Team geworden. Fast, als wäre ich nun die Partnerin an seiner Seite. Seine Vertraute. Ein erhabenes Gefühl einerseits, ein falsches Gefühl andererseits. Ich wäre froh, wenn er mal eine Frau mitbringen würde, dann könnte ich mich auch mal wieder auf einen Jungen einlassen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ohne Sorge um meinen Vater. Auf Tom, zum Beispiel. Er wartete nur auf ein Zeichen von mir.

 

Als ich meinen Vater letztens zu Hause besuchte, saß er schon mit Kerzen in der Küche und hatte für uns beide gekocht. Er strahlte mich an. Wie sollte ich mich jemals einem anderen Mann zuwenden? Das würde ihm das Herz brechen. Ich war sein Highlight im Leben.

 

 

 

Aufgeregt hoch 10, was sag ich, aufgeregt hoch 100 fuhr ich weiter nach Hönow. Ab Frankfurter Tor fuhr die Bahn zum Glück wieder durch. Wenn ich dann ganz schnell lief, kam ich vielleicht noch pünktlich an. Ich hoffte, dass mein Deo hielt, was es versprach. Eine 24-Stunden-Frische. Meeresbrise. In meinen Gedanken kreiste ich um das Wort `Mobile Paar-Therapie`. Eine Erfindung von Tom und mir. Klingt irgendwie komisch, unseriös, wie `Coffe-to-go`. `Therapy-to-go`. Was soll`s, es gab schließlich auch mobile Physiotherapeuten, Masseure und Friseure. Ich war eine mobile Psychotherapeutin. Ja.

 

 

 

2

 

Berlin-Hönow, Tulpenweg 10 und Schultze mit `tz`. So stand es auf meinem Zettel. Julia hatte mich tatsächlich ein bisschen älter gestylt, meine bemalten Augen sahen ganz fremd für mich aus. Ich hatte mir eigens für diesen ersten Termin eine schwarze, stylische Brille mit Fensterglas besorgt. So wirkte ich nicht ganz so wie „das Mädchen von nebenan“, wie sonst immer. Ich irrte wie blöd durch Hönow. Ähnlich aussehende Hochhäuser, ähnlich angelegte Wege. Sackgassen. Wieder zurück. Veilchenweg, Asternweg, Holunderweg. Keine Tulpen in Sicht. Da endlich, Tulpenweg 10.

 

Ich schaute mich noch einmal im Glas der Eingangstür prüfend an, ehe ich klingelte. Da stand ich: Sophie Krausnick, 32 Jahre, Jung-Therapeutin, schwarze, halblange Haare, schwarze Stoffhose, schwarze Bluse, schwarze Brille, schwarze Schuhe....ohje, ganz schön viel schwarz, dachte ich. Hätte ich mal lieber zu Hause in den Spiegel geschaut.

Jetzt war es zu spät.

 

Ich klingelte, mein Herz pochte, als wäre ich seit Stunden gejoggt. Alles in mir pulsierte bis zum Anschlag und meine Atmung ging plötzlich in Schnappatmung über. Gleich würde ich zerspringen und dann zerfetzt in Hönow herum liegen. „Junge Therapeutin vor ihrem Termin explodiert.“ Ich sah schon die Schlagzeile.

 

Mist, jetzt bekam ich wieder diese roten, hektischen Flecken am Hals und ich spürte, wie sich an meiner Lippe die Herpesbläschen ankündigten. Es war der pure Stress für mich. Wieso hatte ich nichts Vernünftiges gelernt. Was mit Wirtschaft, BWL, Ökologie oder so. Vaters Unternehmen übernommen. Nein! Stopp! Stopp! Stopp!

 

Kommen Sie, es ist offen. Dritte Etage.“ hörte ich Frau Schultze einladend rufen. Ich lief die drei Treppen in Ruhe nach oben. Ich wollte noch Zeit gewinnen, mich wieder entfärben. Meinen normalen Puls und meine normale Hautfarbe zurück haben. Ich erinnerte mich an die Worte meines Lehrtherapeuten. `Man musste nicht alle Probleme und Diagnosen dieser Welt selbst erlebt haben, um Menschen gut psychotherapeutisch begleiten zu können`. Also, Rücken gerade! Kopf hoch! Angst ausatmen und Kompetenz einatmen.

 

Oben stand die Tür bereits offen. Herr und Frau Schultze saßen in ihrem Wohnzimmer und waren offensichtlich bereits mittendrin, in einem explosiven Streitgespräch. Vor ihnen lagen Unmengen von Papieren.

 

Ich wusste, dass sie zwei kleine Kinder hatten, die für die Therapiezeit bei Verwandten im Hinterhaus sein sollten. Das ganze Wohnzimmer, bis auf den Tisch mit dem Papierberg, sah aus wie geleckt. Wie schafften sie das mit zwei Kindern? Komischerweise hörte ich nun auch noch Kinderstimmen im Nebenraum. Vielleicht gab es eine Planänderung. Oder ich hatte erste Anzeichen von Tinnitus, Ohrenrauschen? Dafür war ich nun aber wirklich zu jung.

 

Ihr Streiten wurde immer lauter, es ging um Geld, unnötige Ausgaben, zu geringe Einnahmen. Beide hingen fest in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Plötzlich verschränkte Frau Schultze die Arme und lehnte sich wütend zurück. „Daniel, so rede ich mit Dir nicht weiter. Dann mach Deinen Scheiß alleine, wenn ich sowieso immer alles falsch mache. Mir reicht`s jetzt!“ „Ach komm Lisa, jetzt nicht wieder diese alte Leier, das bringt doch nichts!“ Auch er lehnte sich nun, augenrollend, zurück. Beide Gesichter finster. Zusammengepresste Münder.

 

Ich hörte mich mit hochrotem Kopf, rot geflecktem Hals, Lippenherpes, aber ziemlich klarer Stimme fragen: “Welche alte Leier? Was passiert gerade zwischen Ihnen?“ Herr Schultze sah mich äußerst irritiert an, zog eine Augenbraue hoch, antwortete dann aber zögernd: “Wenn Lisa sich von mir angegriffen fühlt und das ist beim Geldthema leider immer so, dann zieht sie sich einfach zurück und lässt ihre Jalousien runter. Dann geht nichts mehr, kein Reden, kein Streiten, kein Versöhnen. Dann ist tote Hose im Hause Schultze und wir haben tagelang schlechte Stimmung.“ Lisa Schultze fragte ihren Mann: “Wieso erzählst Du ihr das alles? Wir kennen uns doch gar nicht.“

 

Daniel schaute Lisa an. Er war kurz still und sprach unbeirrt weiter: „Es schadet doch nichts, wenn sie uns ein bisschen besser kennenlernt.“ Ich verlor lieber keine Zeit und fragte einfach todesmutig weiter: „Frau Schultze, was verletzt sie so, wenn Sie mit ihrem Mann über die Geldthemen reden? An welcher Stelle machen Sie dicht?“ Sie schaute mich seltsam an, vielleicht erkannte sie die Fenstergläser in meiner Brille oder wunderte sich über meine dramatisch geschminkten Augen. Meine roten Flecken am Hals waren sicher auch diesen seltsamen Blick wert. Die Bläschen an der Lippe ackerten und blühten auf. Aber auch sie antwortete, immer noch irritiert, ihre Augen auf mir ruhend.

 

Wissen Sie, wenn wir nun schon mal darüber reden und Sie uns so komische Fragen stellen, antworte ich Ihnen auch. Vielleicht kommt es dann bei Daniel auch endlich mal an. Ich fühle mich jedes Mal gemaßregelt von ihm, wie ein kleines Kind. Ich habe nicht seine Ordnung und nicht seinen Überblick. Ich habe meine eigene Ordnung und meinen eigenen Überblick, auch wenn das für ihn chaotisch scheint. Ich will, dass mein Mann das endlich akzeptiert. Ich will mit ihm Gespräche auf Augenhöhe führen, auch bei unseren schwierigen Geldthemen. Er ist nicht mein Vater! Niemand ist mein Vater!“ sagte sie mit Nachdruck. Daniel war ganz still geworden und schaute zu seiner Frau. „Das hast Du mir noch nie so deutlich gesagt, Lisa. Ich wusste nicht, dass ich dich an Deinen Vater erinnere. Das tut mir leid. Bisher hast Du immer die Arme verschränkt, Deine üble Stirnfalte bekommen und mich mit vorwurfsvollem Schweigen bestraft. Tagelang.“ Ich wollte den aufgenommenen Faden nicht verlieren und fragte direkt weiter: „Ist es das, Frau Schultze, was Sie über die Jahre vielleicht gelernt haben oder lernen mussten? Bei Angriff, die Rüstung anziehen, die Seele schützen und ab in den Rückzug?“ Ihre Augen schwammen sofort in Tränen, als ich das sagte. Sie konnte gar nicht mehr sprechen. Als wären all ihre Worte weg gegangen. Sie machte zwar den Mund auf, aber nichts kam mehr raus. Nur ein Schlucken und dann ein Schluchzen. Sie legte die Hände schützend vor ihr Gesicht. Ihr Mann setzte sich wie in Zeitlupe zu ihr aufs Sofa, legte den Arm um sie und drehte ihren Kopf so zu sich, dass sie ihn anschauen musste. Die Gesichter einander zugewandt, sich in die Augen schauend, saßen sie ganz dicht beieinander. Atemlose Stille. Tränen bei ihr. Gänsehaut bei mir. Er streichelte ihr Gesicht: „Lisa, es tut mir so leid. Du sollst Dich vor mir nicht schützen und zurückziehen. Ich bin doch Dein Mann. Ich bin Dein Freund. Ich will Dir doch nichts Böses. Lisa...“ Sie weinte und legte ihre Arme eng um ihn. Ihr blonder Wuschelkopf lag ganz dicht an seinem, eingegraben in seiner Halskuhle. So saßen sie. Ich glaubte schon, dass sie mich vergessen hatten. Das war auch gut so, denn mir schossen sofort die Tränen in die Augen, als ich sah, wie zärtlich er sie anschaute. Gott war ich unprofessionell.

 

Nach einer Weile sahen sie wieder zu mir und sagten fast gleichzeitig: „Danke.“

 

3

 

Nebenan rumpelte es laut und ein kleines Mädchen kam ins Wohnzimmer gepoltert. Sie fragte: „Tante Lisa, warum weinst Du denn?“ Tante Lisa? Ich dachte, es wäre ihre Tochter? Sie antwortete: „Ach Schätzchen, das sind Freudentränen. Ich freu mich, dass Onkel Daniel mich versteht.“ An mich gewandt: „Ach Frau Schneider, ich fürchte, jetzt müssen wir nochmal einen neuen Termin machen. Ich brauch jetzt eine Pause. Aber nochmal Danke, Sie haben uns so sehr weiter geholfen. Immer wieder sind wir in diese Sackgasse geraten, wenn es um unsere Finanzen ging. Ich glaube, das passiert nun nicht mehr.“

 

Jetzt war ich durcheinander. „Entschuldigung, aber mein Name ist Sophie Krausnick, nicht Schneider.“

 

Beide schauten mich entgeistert an. So als hätte ich gesagt, `ich leg mal kurz eine CD von Rachmaninow ein. Machen Sie einfach weiter.` „Ach du Scheiße,“ entfuhr es Herrn Schultze, „wir dachten die ganze Zeit, Sie sind unsere neue Steuerberaterin, Frau Schneider. Eigentlich waren wir mit ihr verabredet. Wer sind Sie?“

 

Ich bin Paartherapeutin und im Tulpenweg 10 verabredet. Bei Schultze`s mit tz.“ Er lachte jetzt laut und sagte: „Das ist bei meinem Bruder, deswegen sind seine Kinder heute bei uns, damit sie ungestört mit der Therapeutin reden können. Er wohnt um die Ecke Tulpenweg 10, hier ist Tulpenweg 10a. Ich lach mich tot, wenn die beiden ein Therapie-Gespräch mit unserer Steuerberaterin hatten. Und ehrlich, ich hatte mich schon gewundert, was diese jungen Steuerberaterinnen heutzutage für Fragen stellen. Fand`s aber irgendwie auch spannend. Ich glaub`s ja nicht.“

 

 

 

 

 

 

 

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