Logorrhoe Teil 3

Es war zu still im Raum und er bemerkte beim Eintreten, dass seine Patientin nicht mehr redete und vor allem: nicht mehr im Sessel saß! Sofort hatte Johannes ein schlechtes Gewissen und drehte sich mit seinem Tablett einmal im Kreis, vielleicht hockte sie ja  irgendwo. So ein Quatsch, wir sind doch nicht im Kindergarten. Bei ihrer Leibesfülle hätte Johannes sie außerdem sofort gesehen. In diesem Raum kann man sich nicht verstecken. Er stellte das Tablett ab und dachte nach. Ist sie auf die Toilette gegangen oder gar einfach abgehauen? Bei beiden möglichen Szenarien müsste sie sehr, sehr leise gewesen sein. Nein, das würde sie sich nicht trauen, einfach abzuhauen. Das wäre ja mal ein Statement.

Plötzlich  stand sie wieder im Raum. Sie schnäuzte sich und sagte: "Da ja hier heute jeder macht, was er will, dachte ich, dann  kann ich das auch. Ich war nur mal auf der Toilette." Sie hatte total verweinte Augen und Fleischmann überlegte, ob er dazu was sagen sollte. Ein engagierter Therapeut würde sofort darauf einsteigen. Das ist DIE Chance, um über die echten Gefühle zu reden! Das Hier und Jetzt nutzen! Das, was zwischen Therapeut und Klientin passiert, stellvertretend nutzen!  Los Fleischmann, echter Kontakt! Mach mal wieder was Therapeutisches!!   "Brigitte.....sagen Sie... fängt er langsam an...." 

"Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie sind so durchschaubar. Ja, ich habe geweint und es hat auch mit Ihnen zu tun. Ich bin so wütend und so traurig, alles gleichzeitig.  Ich weiß, dass Sie mich kaum ertragen, dass ich zu viel rede, dass es langweilig für Sie ist, WAS ich rede WIE ich rede. Sie lassen das alles nur über sich ergehen, weil ich Sie bezahle. Sie Feigling! Sie haben mir mal gesagt, man hat immer im Leben eine Wahl. Wieso wählen Sie mich nicht ab? Wieso ertragen Sie soviel? Wieso halten Sie das alles aus? Diese Fragen sollten Sie sich mal selbst stellen lieber Herr Fleischmann. Ich bin ein Spiegelbild Ihrer selbst und ich zwinge Sie, in den Spiegel zu schauen. Sehen Sie sich? Eigentlich müssten Sie mich bezahlen, Sie Arschloch!! " Erschöpft lehnt sie sich zurück und weint. Fleischmann ist durcheinander. Er müsste was Kluges sagen. Irgendwas. Sagen. Machen. Er ist baff. So einen Ausbruch hätte er ihr nicht zugetraut. Er kann nicht schon wieder in die Küche gehen.Ihm ist heiß und kalt gleichzeitig, noch 20 Minuten. Er spürt seinen ganzen Körper wie lange nicht, da lebt ja noch was! Er hört sich sagen:

"Hut ab, Brigitte, Sie sind mutiger als ich und Sie haben recht, ich bin ein Scheiß Feigling. Und es stimmt, wir haben immer im Leben die Wahl. Lassen Sie uns wählen, was wir jetzt machen. Die... Situation ähmm.....ist...."

"Beschissen", schmeißt Brigitte ein und sie müssen beide lachen. " Ja, beschissen." wiederholt Fleischmann.

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