Logorrhoe Teil 2

Johannes Fleischmann überlegt noch kurz, wann er eigentlich zuletzt realen Sex hatte, kommt aber beim besten Willen nicht mehr drauf. Diesen Gedanken zu Ende zu denken, würde jetzt aber wirklich zu weit führen. Sein Blick fixiert nochmal seine Patientin Brigitte, die ihm schräg gegenüber sitzt. Er schafft es, während sie weiter redet, aufzustehen, das Fenster aufzumachen, irgendwas von `warm hier' zu brabbeln, beim Zurückkommen den kleinen Wecker vom Tisch zu werfen, so dass er ihn exakt so hinstellen kann, dass er die Uhrzeit endlich sehen kann. Zufrieden lächelt er sie an. Er weiß nicht, ob sie bemerkt hat, dass er kurz beim Fenster war, sie hat einfach weiter geredet. Sein verstohlener Blick auf die Uhr zeigt, dass erst 15 Minuten vergangen sind. Das kann er nicht glauben, der Wecker muss beim runterfallen kaputt gegangen sein. Das kann nicht sein! Noch 45 Minuten! Er schiebt seine Ärmel hoch und erhascht einen Blick auf seine Armbanduhr mit extra großen Ziffern. Unglaublich, die Zeitangaben stimmen überein. Sich seinem Therapeuten-Schicksal ergebend, lehnt er sich zurück.

Seine Aufmerksamkeit wandert wieder zu Brigitte. Seit Thomas, ihr Ex-Mann sie vor 3 Jahren verlassen hat, nahmen ihr Redeschwall und ihr Körperumfang jährlich zu. Er weiß noch, wie beeindruckt er von Thomas Verhalten war, da er nicht wegen einer anderen, gar jüngeren Frau die Trennung wollte, sondern weil er das Zusammenleben mit Brigitte so nicht mehr wollte. So schlicht, eine bewusste Entscheidung. Keine Lügen, kein Fremdgehen, kein Drama. Brigitte ist nie darüber hinweg gekommen und sie tut ihm manchmal leid. Ihre gemeinsamen Therapiestunden sind keine Therapiestunden, das sind eher "Aushaltestunden": Fleischmann hält "Rede-Brigitte" eine Stunde aus, Brigitte muss sich selbst eine Stunde zuhören und dann muss Fleischmann auch noch sich selbst bei dem Ganzen aushalten. Alles zusammen ist sauanstrengend. Das Ganze ist eine Farce.

Er kommt ins Schwitzen und sieht auch Brigittes Schwitzen, die Flecken unter ihren Armen werden immer größer. Die Knöpfe der Bluse halten immer noch den auf und ab wogenden Busen, obwohl es so aussieht, als würde alles an einem losen Faden hängen. Also die Knöpfe.

Er überlegt, ob er ein Glas Wasser aus der Küche holt oder wenigstens zwei, dann wirkt es fürsorglicher. Er hat sich schon lange nicht mehr so viel bewegt in einer Therapiestunde, das ist ja schon fast sportlich. Er hebt kurz den Arm, als Zeichen, das er was sagen möchte. Sie zögert und in diesem Moment sagt er ganz schnell, dass er Wasser holt und verschwindet blitzartig in die Küche. Er glaubt, dass sie verdutzt ist, jedenfalls schaut sie ganz irritiert.

In der Küche lässt er sich Zeit, prüft ewig die Wassertemperatur und schaut, ob es noch irgendwo einen Keks oder Schokolade gibt. Mit einem kleinen Tablett für sie beide kommt er zurück in den Therapieraum. Er glaubt, mindestens 5 Minuten gewonnen zu haben. Es ist still. Verdammt still hier.

 

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