Der genervte Therapeut- Logorrhoe

Johannes Fleischmann ist müde, so müde. Er ist nun 65 Jahre alt und schleppt sich wie jeden Tag der letzten 30 Jahren in seine Psychotherapiepraxis. Er ist nach wie vor ein gefragter Therapeut und hat keine Ahnung, wieso seine Warteliste immer noch so lang ist. Er hat inzwischen die Preise verdoppelt und macht nach jeder Therapiestunde mindestens eine halbe Stunde Pause, nur so, um Zeit zu gewinnen. In dieser halben Stunde sitzt er gedankenverloren in seinem eigenen Therapieraum rum und verliert sich in so manchen sinnentleerten Gedankenschleifen. Er setzt seine Brille ab, die Bügel kneifen ihn an den Ohren und schließt die Augen.  Er ist nie böse, wenn Patienten absagen und er verlangt auch kein Ausfallhonorar für abgesagte Therapiestunden wie seine Kollegen. Absagen sind für ihn perfekt, kurzfristige Absagen eine wunderbare Gelegenheit zum Sinnieren und "einfach nicht zu kommen" ist die Luxusklasse der Absagen für seinen Therapiealltag. Er liebt diesen Überraschungsmoment, klingelt es gleich oder nicht. Fünf Minuten über der vereinbarten Zeit, das sieht gut aus. Zehn  Minuten drüber. Schade, es klingelt. Mühsam erhebt er sich aus seinem Sessel, setzt seine Brille wieder auf und streicht sich die Haare zurück. Für seine 65 Jahre hat er noch schöne, volle Haare. Zwar sind sie inzwischen mehr weiß als schwarz, aber er weiß, dass das gut aussieht.  Seine weiblichen Patientinnen sprechen ihn immer mal wieder darauf an.  Sein flottes Äußeres stimmt Null-Komma- Null Prozent mit seinem inneren Siechtum überein. Er weiß nicht, wie lange er den Schein noch wahren kann.

Therapie:

An der Tür steht Brigitte, eine dralle Mittfünfzigerin, die doppelt so schnell redet wie er denkt. Sie kommt seit 3 Jahren zu ihm und er hat schon lange das Gefühl, sie will ihn einfach nur brutal zu quatschen. Viel Text, wenig Inhalt. Logorrhoe fällt ihm da nur ein, der Rededurchfall. So nennt er sie insgeheim, der Rededurchfall hat wieder einen Termin. Meistens nickt er nur oder brummelt "soso" vor sich hin. Er schielt zur Uhr auf dem kleinen Tisch, Mist, er hat vergessen, sie so zu drehen, dass er das Ziffernblatt sehen kann. Auf seine Armbanduhr schauen geht nicht, das wäre zu offensichtlich. Er sollte bei ihr den Preis verdreifachen!!! Wie bitteschön soll er das  nur aushalten und wie bitteschön die Uhrzeit rausfinden?? Er überlegt kurz, wer als Nächstes kommt, zwischendurch sagt er "ach wirklich?" und schaut durch sie hindurch. Beim Reden hebt und senkt sich ihr Busen dramatisch, hoffentlich hält der Knopf ihrer Bluse. Sie gestikuliert viel zu viel.Unter ihrer Achsel ist ein fetter Schweißfleck.  Eine Weile verharren seine Augen auf ihrem wogenden Busen und er genießt das Schauspiel. Er erschrickt, das darf man nicht, weder als Therapeut noch als Mann! Johannes, immer schön in die Augen schauen. Nicht dass da noch so was Sexuelles entsteht, heutzutage heißt das dann ja gleich sexuelle Belästigung. Apropos Sex, wann hatte er eigentlich zuletzt Sex?......

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