Karl`s Mail

Karl´s Mail

Seit Karls kurzer, nüchterner, männlicher Mail gestern Abend, geht's ihr beschissen. Sie fühlt sofort, wie das alt bekannte flaue Gefühl in der Magengegend anspringt. Was heißt anspringt, hochspringt, sie bespringt, sie komplett in Besitz nimmt. Alles in ihr zieht sich zusammen. Manchmal stellt sie sich vor, dass jede einzelne Zelle in ihrem Körper in eine Embryonalstellung geht, zusammenrollen und sich schützen. Wovor eigentlich? Sie stöhnt und fühlt sich bleiern schwer, ja sie weiß es eigentlich: Vor der großen Angst, wieder, wie als Kind, getäuscht und verlassen zu werden. Das ist aber auch eine Scheißkombi!

Enttäuscht sein und verlassen werden.

Die enttäuschte Verlassene!

Die verlassene Enttäuschung!

Enttäuschend verlassen, die!

Wunderschöne Filmtitel, da würde keiner reingehen, nicht mal enttäuschte Frauen, nicht mal ältere verlassene  Frauen! Männer sowieso nicht. Sie stiert noch eine ganze Weile vor sich hin, seufzt und tut sich sehr leid. Sie zwingt sich, die Mail nochmal zu lesen. Ganz in Ruhe und ohne diese aufgewühlten runterziehenden  Emotionen, schön sachlich lesen Stella! Vorsichtshalber geht sie zum Kühlschrank, holt sich ein sehr großes Glas Weißwein und eine fette Tafel Schokolade, nicht die Dunkle!  Sie sitzt vor ihrem Laptop, mit der einen Hand dreht sie gedankenverloren eine Locke um den Finger, in der anderen Hand hält sie ihr Weinglas. Okay, die Mail nochmal: "Stella- Schatz, mir ist hier gerade alles zu viel. Kannst Du Dich nicht selbst um deinen Rückflug kümmern? Ich zieh morgen für eine Weile in die alte Wohnung meiner Ex ein, sie ist verreist und paar Tage nicht da. Sarah geht es wieder ziemlich schlecht." Sie liest den Text noch ein paar Mal und liest immer wieder:" Sorry, Du bist mir gerade Zuviel und ich zieh wieder in mein altes Leben ein. Mach`s gut." Sofort fließen ihre Tränen und das flaue Gefühl im Magen nimmt zu. Sie rollt sich ins Bett und ist froh, morgen einen Therapietermin bei ihrer Therapeutin Nina Adelberger zu haben. Sie geht seit einigen Jahren zur Therapie und seit letztem Jahr in größeren Abständen, aller 2 bis 3 Monate. Im Grunde weiß sie, was mit ihr passiert und was sie machen muss, um sich wieder  besser zu fühlen. Heute funktioniert leider gar nichts.

Therapiestunde:  

Nina:" Was genau ärgert Dich an der Mail oder macht Dir gar Angst? Ich lese, seiner Tochter geht's schlecht und er will eine Weile bei ihr sein."

Stella trotzig: "So wie  Du das sagst, klingt es bei mir aber nicht. Ich würde es gern genauso hören und verstehen, geht aber nicht. Das fühlt sich nach einem Schritt zurück an, irgendwie falsch...wieder in die Wohnung der Ex ziehen. Seine Tochter ist fast 17, muss man da wieder einziehen? Ich hab so Angst, dass wegen seiner Tochter unser Leben nicht mehr geht...oh man, ich mag mich selber nicht, wenn ich so rede. Das klingt so egoistisch...und außerdem hat er mich auch abgewiesen mit meinem Anliegen an ihn. Abgewiesen und in die Ex-Wohnung ziehen. Aber ganz ehrlich  ja, ja ich habe Angst, dass er weggeht von mir. Kinder sind immer wichtiger, als neue Partnerinnen. Die Macht und Ohnmacht der Kinder. Ich bin so gewöhnt, dass ich die Nummer 1 für ihn bin. Du weißt ja, das hab ich mir so sehnlichst gewünscht, mal die Nummer 1 bei jemanden sein."

Nina: "Das klingt ja so, als würde seine Tochter das mit Absicht machen? Was fehlt Dir in seiner Mail?"

Stella:" Nein, ich glaube ihr geht's wirklich beschissen und er will einfach mal bei ihr sein. Wenn er schon in der Stadt ist. Er ist jemand, der immer nur eine Sache gut machen kann. Mir hätte geholfen, wenn so was wie Tut mir leid Stella, ich weiß, das fühlt sich für Dich blöd an, aber....` in der Mail gestanden hätte. Ein kleiner Gedanke, ein kleines Gefühl für mich. Dann kann ich auch gut meine Nummer 1 teilen."

Nina:" Nur mal angenommen, Du setzt Deine Opferbrille ab. Du weißt, die "Ich-bin-so-enttäuscht- und-ich-werde-bestimmt-verlassen-Brille" und siehst die Situation nicht aus der Kinderperspektive, sondern auf der erwachsenen Mann-Frau-Ebene. Dein Partner hat Stress, er ist in seiner alten Heimat und hat ne Menge Dinge zu erledigen, bevor er zurückkommt. Zu Dir zurückkommt. Seiner Tochter, die er nur noch selten sieht seit  der Trennung, geht es schlecht. Er macht alles, um all die Dinge unter einen Hut zu bekommen. Wie könntest Du noch reagieren, als seine erwachsene Partnerin?"

Stella: " Oh man ja, ich könnte ihm das genau so sagen. Einerseits mein erstes flaues Gefühl im Magen, das soll er schon wissen. Aber auch,  dass es wieder weg ist und ob ich ihn irgendwie unterstützen kann in seiner jetzigen Situation. Und, dass ich sehe, wie er versucht, alles gut zu regeln. Ah Danke, ich ruf ihn gleich an :-) "

Telefonat:

Stella ruft Karl noch am gleichen Abend an und erzählt ihm ihre Gefühlsodyssee. Ihre ersten Angstzustände und ihre Erleichterung, diese blöde Kinderperspektive wieder los zu sein. Ziemlich entspannt kann sie ihn fragen, wie sie ihn unterstützen kann. Karl lacht und sagt nur:" Du wieder, hab ich es doch geahnt, Dein Schweigen war schon komisch und hat mich zusätzlich noch gestresst. Stella, mir geht's gut, wenn es Dir gut geht. Glaub mir, ich bin hier nur im Oberstress. Die Mail an dich war auf die Schnelle zwischendurch geschrieben, nur damit Du bescheid weißt........"

 

 

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