Erst, Dann und Jetzt

Zuerst

dachte ich, das macht sie nicht. Nein, nein das ist nur so eine Idee. Aus der Verliebtheit heraus, so eine Schnapsidee. Nein, das macht sie nicht. Nach Texas ziehen, mit einem Mann, den sie erst ein paar Wochen kennt. Meine 29 jährige Tochter, das Berliner Großstadtkind. Sie studiert doch noch, hat gerade erst was Neues angefangen, arbeitet nebenbei, wohnt in ihrer Mädels-WG. Sie ist so wissbegierig, so offen für das Leben, das Bunte, das Volle, das Großstädtische. Es ist doch alles gut hier. Was will sie in Texas auf einer Ranch? Was macht man da? Was macht sie da?

Und dann,

hat sie es einfach getan. Hat all ihre Sachen verkauft und verschenkt, ihren Job gekündigt, das Studium an den Nagel gehängt, ein one-way-Flugticket nach Dallas gekauft und sich in Deutschland abgemeldet. Sie sagt, sie hätte nicht gedacht, dass man innerhalb einer Woche, sein bisheriges Leben auflösen und sich so befreit fühlen kann. Es folgten ihre letzten Arzttermine in Deutschland, auch ihr letzter Frauenarzttermin in Berlin. Ich war oft dabei, da ich versucht habe, alle letzten Minuten und alle letzten "einmal-noch-Aktivitäten" mit ihr zusammen zu erleben. Alles, was so passierte, passierte ein letztes Mal und alles fühlte sich für mich ein bisschen wie sterben an. Der Monitor beim Frauenarzt zeigte, wie sich die Eizelle in ihrer Gebärmutter eingenistet hatte. Sofort schossen die Tränen in meine Augen. Sie wird weit weg sein und ein neues Menschlein wird in unsere Familie kommen. Neben meinem schniefend-traurigem Mutterherz schlägt jetzt auch noch ein freudig-aufgeregtes Omaherz.

Ein letzter Weg noch, der zum Flughafen. Ich sah neben dem Abschiedsschmerz auch ihre Freude und ihre Lust auf das neue Leben und kam mir so bescheuert vor mit meinen laufenden Tränen. Loslassen und Vertrauen das war das Mantra, was ich mir immer wieder vor betete. Wie oft lassen wir Mütter eigentlich unsere Kinder immer wieder los? Seit der Geburt geht es doch nur noch um loslassen. Sie war 29 und ich musste sie erneut los lassen.

Schließlich

lebt sie nun mit ihrem Mann, ihrem kleinen Sohn, ihrer minikleinen Baby-Tochter und Lucy, der Familienhündin in Texas mitten im Nirgendwo auf einer Ranch. Ich hab das Glück volle Kanne dabei sein zu dürfen, wenn ich sie besuche. Bin mitten im Geschehen und lebe für eine kleine Weile ihren Alltag mit. Ich erlebe zwei Menschen, die JA zueinander gesagt haben und sich auch selbst, jeder für sich so wie sie sind in Ordnung finden. Zu ihrem Einverständnis gehört auch das absolute JA zu den beiden Kindern, die nun neu auf der Ranch, neu in unserer Familie und neu auf dieser Welt sind. Ein entschiedenes und sehr klares JA zu diesem gemeinsamen Leben.

Ich sehe, wie sie zwischendurch an ihre Grenzen kommen und irgendwas oder irgendwen an die Wand klatschen könnten. Ich sehe auch, wie sie sich immer wieder anlächeln, sich liebevoll begrüßen und verabschieden, viel Quatsch machen und lachen egal wie chaotisch das Haus gerade aussieht. Wie sie einfach so zusammen tanzen, weil ein schöner Song im Radio kommt und wie hinreißend der kleine 1,5 jährige Paul seine Schultern dabei kreisen läßt. Er wird der obercoole Tänzer. Und Ida mit ihrem zaubersüssen zahnlosen Lächeln. Wehe, jemand bricht ihr das Herz.

Ich spüre den großen Respekt des Paares voreinander, als Paar genauso wie als Eltern. Alles, was am Tage so passiert wird ausgetauscht. Jeder gelungene Pups der kleinen Ida ist eine Freude und jeder Tag ohne Pauls Haareziehen ist ein Fest. Jede Nacht mit mehreren Stunden Schlaf am Stück ist wie ein Lottogewinn und sie strahlen sich an, als würde deshalb heute der schönste Tag des Lebens anfangen. Sie leben etwas, was ich mir als Kind immer gewünscht habe. Einander wahrnehmen, respektieren und ganz viel Quatsch machen. Ein Haus voller Liebe.

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